WILDES WILMERSDORF

Neu-Wilmersdorfer entdecken die Hood.

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Wander in Wilmersdorf

Auch in Wilmersdorf erfährt man von der neuesten coolen App: “Wander”. Menschen, die es wissen müssen, nennen Wander die coolste aller Apps. Wander verbindet Wilmersdorf beispielsweise endlich mit Taipeh in Taiwan oder L.A. in USA oder Toluca de Lerdo in Mexiko, ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Wilmersdorf.

Am Anfang ist alles wie immer, wenn man sich anschickt, Teil eines die Geschichte und die Menschheit verändernden Ereignisses zu werden: Man öffnet iTunes und lädt die App herunter. Dann registriert man sich und gibt Apple alles, was des Apple ist.

Und dann geht’s los.

Fotografiere!

Man bekommt von Wander einen guide aus einem anderen Winkel der Welt zugewiesen, zum Beispiel…

den Kenneth aus Taipeh. Der Wilmer aus Wilmersdorf und der Kenneth aus Taipeh sind einander nun für eine Woche guides in die alltägliche Welt ihrer so unterschiedlichen Leben. Sie erhalten von Wander Aufgaben wie: Fotografiere, was du gerade siehst. Fotografiere, was bei dir daheim an der Wand hängt. Fotografiere, wie das Wetter im Moment ist. Drei Aufgaben am ersten Tag, und so geht es weiter. Fotografiere die Speisekarte eines typischen Restaurants. Fotografiere ein Werbeplakat. Fotografiere, worauf du stolz bist.

Cool!

Auch schreiben können sie einander, der Wilmer und der Kenneth. Weil Google Translator in Wander integriert ist, sogar in ihren eigenen Schriftzeichen. Sie schreiben:

"Hey, das sieht kühl aus."
"Hey, nein, es ist sehr warm."
"Nein, nein, ich meinte: kühl."
"Oh, aber es ist wirklich warm."

Der Wilmer weiß jetzt also, was beim Kenneth an der Wand hängt und wie ein Werbeplakat in Taipeh aussieht. Oder was eine typische taiwanesische Speisekarte so anbietet. Lesen kann er es nicht, weil Google Translator leider noch nicht in Werbeplakaten und Speisekarten aus Taipeh integriert ist. Aber das macht es … richtig: krass au-then-tisch.


Wissen

Der Wilmer aus Wilmersdorf kennt Taipeh jetzt ein bisschen. Sagen wir: ein bisschen besser. Neulich hat er im TV eine halbstündige Doku über einen Wolkenkratzer gesehen, den sie in Taipeh gebaut haben und der wohl irgendwann wegen der Erdbeben umfallen wird, wenn er sich richtig erinnert. Jetzt weiß er, wie die Wände behängt sind, die da vielleicht mit umfallen werden. Das ist toll. Und wenn ihn morgen in Wilmersdorf jemand fragt, wie das Wetter zurzeit so ist in Taipeh, könnte er sagen: Blauer Himmel, keine Wolken, die Schleier sind Smog.

"Hab einen Bekannten in Taipeh, den Kenneth, hat gestern Fotos geschickt."
"Oh, ein Chinese, der Kenneth heißt!"
"Eher ein Taiwanese."
"Und das ist kein Chinese?"
"Na ja, da gibt es Probleme."
"In der Familie?"
"Ach, es ist kompliziert."


Fragen


Wenn der Wilmer nicht damit beschäftigt ist, herumzulaufen und seine Welt für Kenneth aus Taipeh profunde fotografisch darzustellen, ist er neuerdings mit Überlegen beschäftigt. Worauf bin ich stolz? Sehe ich das, was ich gerade sehe, wirklich, oder bilde ich mir nur ein, es zu sehen? Welche Aufgaben werden wir morgen bekommen? Warum bin ich in Wilmersdorf und nicht in Taipeh? Warum postet der Kenneth so lange keine Fotos mehr? Findet er mich nicht mehr guide-würdig? Schläft er noch? Wie lange schläft er noch – und wie schläft er überhaupt? Auf einem Futon? In einem Hochbett? In einer Zimmerschachtel, die er sich mit vierzehn anderen Taipehern teilt? Ja, Wander motiviert zum profunden Reflektieren über das Ich und das Andere. Seit der eigenen Existenzialistenjugend hat der Wilmer nicht mehr so profund über sich & die Welt nachgedacht.

Sehnsüchte

Und: Wander erfüllt Sehnsüchte! Denn wollte man nicht immer schon nach Taipeh? Nun ist man wenigstens per App und in Gedanken dort. Und vielleicht könnte man den Kenneth ja auch richtig besuchen, den Körper sozusagen nachschicken. Oder vielleicht kommt dem Kenneth sein Körper mal nach Wilmersdorf! Wie die Wilmersdorfer glotzen würden! Spazieren der Wilmer und der Kenneth aus Taipeh durch die lebensberuhigten Straßen und betrachten Werbeplakate und Speisekarten.

Der Wilmer glüht vor Aufregung. Das ist alles so … wunderbar! Da sitzt er im Winterregen in Wilmersdorf und ist doch irgendwie in Taipeh! Und eine Freundin vom Wilmer sitzt auch irgendwo im Winterregen und hat schon ein Foto von Miami Beach gesehen! Es ist ein sehr aufregender Januar. In der Küche schimmelt der Pfannenschorf, Staubflöckchen wehen durch den Flur, die Altglasflaschen erreichen Bataillonsstärke, im Mittelmeer liegt ein Luxusliner auf der Seite – nicht wichtig, eine Woche lang zählen nur der Kenneth aus Taipeh und sein Wetter dort. Wieder jemanden kennengelernt! Wieder ein paar flüchtige neue Eindrücke mehr bekommen! Wieder Ablenkung vom tristen Leben! Der Ödnis des Alltags ein paar Millimeter Vergnügen abgerungen!

Die Angie aus Joburg und die anderen Schweine

Dann nähert sich die Kenneth-Festwoche ihrem Ende. Der Kenneth und der Wilmer haben einander längst auf Facebook überführt, sie bleiben einander erhalten, es ist wohl der Beginn einer großen Freundschaft, Abschiedsschmerz ist nicht nötig. Zumal der Wilmer mit seinen Gedanken schon weitergezogen ist: Wer wird nach dem Kenneth für eine Woche sein guide sein? Eine Angie aus Johannesburg (künftig: Joburg)? Ein Dennis aus San Francisco (Frisco)? Oh, der Wilmer ist aufgeregt. Sein Leben ist sehr erfüllt, von Kenneth noch ein bisschen und schon von ganz viel Aufregung wegen danach.

Und ein bisschen Angst. Denn es kann auch so kommen: Die Angie aus Joburg akzeptiert den Wilmer nicht als guide …

Das hat nämlich der Matthew aus Sydney, den Wander als Erstes mit Wilmer matchen wollte, gemacht. Da hat sich der Wilmer auf Sydney gefreut, und plötzlich schlägt Wander ihm den Mano aus Seoul vor. Der Matthew aus Sydney muss ihn abgelehnt haben! Aber warum?? Ist er zu alt? Zu hässlich? Zu uncool? Quälende Fragen! Oder lag es an Wilmersdorf? Selbst die in Sydney werden wissen, dass man, wenn man nach Berlin will, darauf achten muss, nicht in Wilmersdorf zu stranden. Keine Clubs, keine Döner, keine Schwulen, kein Gras, nur Pudel und Steppdaune.

Grausames Wander! Wie viele Menschen tigern jede Sekunde (“wander”) wie Wilmer, das iPhone in der Hand, deprimiert von Zimmer zu Zimmer, weil sie von jemandem zehntausend Kilometer weiter als guide abgelehnt wurden? Wann wird es den ersten Suizidversuch geben?

Noch schlimmer

Es kam noch schlimmer. Der Mano aus Seoul hat den Wilmer nicht abgelehnt, aber mitgemacht hat er auch nicht. Keine Fotos, keine Botschaften. Bild um Bild hat der Wilmer aufgeregt um den Globus geschickt – keine Reaktion. Nur Schweigen. Höfliche Menschen, die Südkoreaner, hat der Wilmer deprimiert gedacht, lehnen aus Höflichkeit nicht ab, wenn sie jemanden zu alt, zu hässlich, zu uncool finden, zumal wenn er bei den Pudeln in Wilmersdorf wohnt.

Da hat der Wilmer Wander um einen neuen guide gebeten.

Und 24 Stunden gewartet. So lange muss man nämlich warten auf einen neuen guide.

Aber der Alejandro aus Toluca de Lerdo in Mexiko hat ihn auch abgelehnt.



Währenddessen hat die erwähnte Freundin vom Wilmer den Joe aus Miami abgelehnt, der hat nämlich nur ein Foto vom Strand geschickt und eines von einem Teller mit Keksen und dann nichts mehr. Immerhin kann sie ihren Enkeln in 40 Jahren erzählen, wie typische Kekse aus Miami aussehen, das ist schon was, und der Wilmer weiß jetzt, dass es in Mexiko eine Stadt namens Toluca de Lerdo gibt, man darf das nicht unterschätzen.

Der Wilmer hat weitere 24 Stunden gewartet und noch mal 24 Stunden, bis dann der Kenneth aus Taipeh kam. Die erwähnte Freundin vom Wilmer hat auch hin und wieder 24 Stunden gewartet. Bloß Kinderkrankheiten, hat der Wilmer sich gedacht und den Alltag ein bisschen zur Seite geschoben und vor Aufregung geglüht.

Na ja, irgendwann wird auch der Wilmer drauf kommen: Die App ist eine Kinderkrankheit.

Fotos: Wander

  1. von wildesdorf gepostet
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