WILDES WILMERSDORF

Neu-Wilmersdorfer entdecken die Hood.

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Oliver Bottini: Wie ich meine Kundenbeziehung zu DHL beendet habe, weil mein Freund Linus nicht da wohnt, wo er wohnt 

oliverbottini:

Da steigt man eines Morgens fröhlich ins Auto und fährt nach Kreuzberg, um Dinge zu erledigen, und kommt bei der Rückfahrt, noch immer fröhlich, auf eine glorreiche Idee: rasch nach Charlottenburg, mit Abholschein ein DHL-Päckchen abholen, Ku’damm 195, dumme Idee.

15 Minuten…

Am falschen Ende sparen 

Bei uns in der Nachbarschaft wird möglicherweise ein Abenteuerspielplatz wegrationalisiert (per Klick auf die Überschrift kommt Ihr zu einem Artikel, in dem das Wort Bezirksverordnetenversammlung vorkommt. Das habe ich letztes Jahr hier mal erklärt). Scheißidee, wenn Ihr mich fragt!

Til Schweiger und die Altglascontainerzentralbehörde

Fragt man bei uns in Wilmersdorf eine, die es wissen muss, nach einem nahen Altglascontainer, erhält man folgende Antwort: Gleich da vorn stand einer, an der Kreuzung. Zwanzig Jahre stand der da, det wa praktisch! Altglas, Altpapier und ne gelbe Tonne gab’s da und auch einen Behälter für Altkleidung. Dann ist in das Haus daneben ein Schauspieler gezogen, hab ick jehört, und auf einmal standen die Container mit der Öffnung zur anderen Seite … Na, und eines Tages waren se janz weg, ist eben n wichtiger Schauspieler. Und jetzt ist der nächste Container halt vorn am Hohenzollerndamm, runter Richtung Wasserwerk.

Jemand anders, der es ebenfalls wissen muss, hat vor Kurzem behauptet, Bruno Ganz lebe hier in der Gegend. Für Bruno Ganz würde ich selbstverständlich jederzeit gern dreimal so weit laufen, um die verflixten Glasflaschen fachgerecht zu entsorgen. Auch für Jürgen Vogel oder Benno Fürmann. Wenn nun aber einer dieser typischen sehr wichtigen durchschnittlichen deutschen Schauspieler wie Til Schweiger oder Heiner Lauterbach oder Christoph Maria Herbst …

Keine angenehme Vorstellung, dass Til Schweiger dafür verantwortlich ist, dass ich jetzt dreimal so weit … Echt nicht.

Und wie läuft so was in der Praxis ab? Steht da der Schweiger eines Tages in der Altglascontainerzentralbehörde, die Nase an der Trennscheibe, und näselt bedrückt: Böh, all die Flaschen, wenn die so ganz grell klirr machen, und die machen das den ganzen Tag, so ganz grell klirr und wieder klirr und wieder klirr, wie soll ich denn da arbeiten und den nächsten großen deutschen Film drehen, ich steh da am Set und hab den Text vergessen und denk nur: klirr, böh, ganz grell klirr klirr klirr, ey, ach komm, kannste mal, kriegste auch ne Autogrammkarte oder zwei … Und irgendein halbdebiler Behördenmensch wächst um zwei Zentimeter und ordnet die Standortverlagerung an?

Muss man sich das so vorstellen? Und wenn der Schweiger da wieder auszieht, schrumpft der Behördenmensch dann auf Normalmaß, und die Container kommen zurück?

Ach, Wilmersdorf …

Was soll’s, ich steige um auf Pet, das Zeug kann ich auf der Hofseite aus dem Fenster werfen, die Tonne steht drunter.

Und in meinen Träumen steht der Schweiger an der Tonne und hält sie mir auf.

Anonym fragte: Gründerzeit: Beginn nach der Industrialisierung Mitte 19. Jharhundet, Jugendstil: Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert

Ah, danke!

Wir wohnen gern hier!

Bevor an dieser Stelle wieder so ein elender linksradikaler Gutmenschen-Eso-Linksspießer wie der Wilmer auf das arme Wilmersdorf eindrischt, sei es einmal wenigstens gesagt: Wir wohnen gern hier! Wilmersdorf hat Vorteile!

Und zwar unter anderem (aus der Sicht des Exkreuzbergers):

  • Es ist nicht versifft.
  • Es ist angenehm ruhig.
  • Man trifft so gut wie nie auf betrunkene Krakeeler oder zweibeinige Baumpinkler.
  • Auf den Gehwegen gären nur selten Hundedreck oder Menschenkotze.
  • In baumbestandenen Straßen stehen zahlreiche, wunderschön renovierte Gründerzeit- & Jugendstilhäuser (ist das dasselbe?).
  • Die wenigsten Passanten sind Freaks.
  • Wir haben eine ausgesprochen sozial denkende Hausverwaltung, die den Nachbarn Klavierspiel per Mietvertrag nur für 1 Stunde täglich zumuten wollte, sich dann jedoch für Empörung & Drohungen sehr zugänglich zeigte.

In Fußnähe:

  • 1 Biobäckerei (so nah, dass wir nur aus dem Fenster fallen müssen, was wir gelegentlich tun)
  • 1 Käsegeschäft (teuer)
  • 1 Mini-Edeka (teuer)
  • 1 Riesen-Edeka
  • 1 Obstgeschäft (sakrisch teuer, du Apotheke, du!)
  • 1 echte Apotheke
  • 4 (!) Buchhandlungen (ohne Online-Auftritt, prekär!!)
  • 1 Weinhandlung
  • 1 Bioladen
  • 1 sehr gutes Sushi-Lokal
  • 1 gutes indisches Lokal
  • 1 gutes griechisches Lokal (meistens voll)
  • 1 schlechtes griechisches Lokal (meistens leer)
  • 3 Bekleidungsgeschäfte (mit typisch wilmersdörflicher Mode, hin und wieder ist auch fashion darunter)
  • 1 Döner-Laden (noch ungetestet)
  • 1 Yoga-Studio (na ja, wir fahren lieber nach Schöneberg, wir wollen schwitzen)
  • ausreichend viele Tierärzte
  • viel zu viele Schulmediziner
  • 3 U-Bahn-Linien
  • 2 Autobahnen
  • 1 gewerblicher Leerstand (selbst schuld, sie wollen keine Gastronomie, sprich: kein cooles Tagescafé, das den Kiez ein bisschen rocken würde)

In Fahrradnähe:

  • 3 Kung-Fu-Schulen (zwei davon habe ich schon jeweils für 1 Jahr beschwitzt)
  • 1 Kieser

In Spaziergangnähe:

  • das KDW
  • der Ku’damm

In Ausflugnähe:

  • Kreuzberg

Ja, es lässt sich’s hier wirklich aushalten. Und dass Wilmersdorf der Bezirk der Witwen sei, ist ohnehin nur ein schlaues Gerücht, das die Wilmersdorfer in die Welt gesetzt haben, um das dörfliche Idyll zu schützen.

Berufliches

Wer wissen (und sehen) möchte, was Oliver so erlebt, wenn er beruflich unterwegs ist, kann ihm seit neustem einen Blick über die Schulter werfen: Auf seinem eigenen tumblr-Blog Oliver Bottini teilt er Eindrücke und Abenteuer eines Autors abseits des wilden Wilmersdorf.

Armer Kater - Hornhautdefekt und Chlamydien, und das wohl von früher Kindheit an.

Weichspülerkrieg in Wilmersdorf

Also, jetzt mal Interna, die Zeit ist gekommen. Der Weichspülerkrieg ist nämlich ausgebrochen.

Die Neuwilmersdorferin (Wilma) besteht darauf, dass die Bettwäsche und die Handtücher nach von einbeinigen blinden asiatischen Kinderzwangsarbeitern chemisch erzeugtem “Orchideen- und Vanilleduft” riechen. Der Neuwilmersdorfer (Wilmer) besteht auf dem reinen Duft von Wasser und konnte sich bisher zumeist durchsetzen, weil er von Geburt an waschaffiner ist. Kürzlich jedoch hat er eine Schlacht verloren, schon die zweite binnen Wochen – wieder hatte die Kreuzberger Taktik versagt.

In Kreuzberg war der Wilmer schlicht schneller. Kaum trällerte die Wilma “Muss mal wieder Wäsche waschen, lali-lala”, hatte er die Waschmaschine schon angeworfen.

“Oh, schön, danke, hast du Weichspüler rein?”
“Verdammt, vergessen.”
“Immer vergisst du den Weichspüler.”
“Weil er so überflüssig ist. Reine Chemie. Ökotest schreibt …”
“Ja, ja, ich will aber Handtücher, keine Handbretter.”
“Aber jeder weiß, dass Weichspüler …”
“Denkst du beim nächsten Mal dran?”
“Versprochen.”

Lange ging das gut. Nicht immer, aber meistens.

Nicht mehr in Wilmersdorf.

In Wilmersdorf liegt etwas in der Luft, das macht selbst die Wilma waschaktiv. Jedes Auto glänzt frisch gewaschen. Jeder zweite Passant duftet nach sauberer Bettwäsche. Die Pudel sind gestutzt und taumeln, ihr Fell riecht nach Orchideen & Vanille. Selbst harte Wilmersdorfer Machos wirken wie weichgespült. Neulich legte der türkische Obst- & Gemüsehändler proaktiv die Hand auf Wilmers Arm – und riss sie erschrocken zurück. Na und, dachte der Wilmer, ich wasche eben ohne, Scheißwarmduscher.

Jedenfalls die Wilma, kürte die in Wilmersdorf das Wäschewaschen überraschenderweise zur zweitliebsten Beschäftigung. Bevor der Wilmer die dräuende Gefahr auch nur erahnt, hört er nun die Waschmaschine schleudern.

“Wäschst du?”
“Ja, warum?”
“Was denn?”
“Bettwäsche, warum?”
“Mit Weichspüler?”
“Klar, warum?”
“Auch meine Bettwäsche?”
“Natürlich, warum?”
“Ich hasse den Geruch von Weichspüler in meiner Bettwäsche!”
“Verdammt, vergessen.”
“Denkst du beim nächsten Mal dran?”
“Versprochen.”

Aber die Wilma vergisst und vergisst … und vergisst. Die Nächte im Orchideentreibhaus werden zur Qual für den Wilmer. Schlaf findet er kaum noch, Albträume plagen ihn: Arbeitslose Diplomchemikerinnen entführen ihn und wälzen ihn in gelblich glibbrigem Orchideen- und Vanillesud. Dann kommt er in die Trommel.

Die Wilma kennt kein Mitleid, sie setzt nach, der Moment ist günstig.

“Sind da auch Männer dabei?”
“Das Licht …”
“Bei den Entführern.”
“Bitte mach doch das Licht …”
“Dachte ich’s mir doch! Bloß die Frauen sind arbeitslos, was? Manchmal bist du echt so ein Chauvi!”
“… wieder aus, Schatz, bitte, das Licht … Wäschst du?”
“Es ist vier Uhr morgens.”
“Schleudert da keine Waschmaschine?”
“Nein, da schleudert bloß dein Chauvihirn.”

(Wikipedia)

Der Wilmer kommt ganz aus dem Tritt, wird immer blasser und vanilliger im Gesicht. Das Leben ist ihm eine Tortur geworden. Nachts drückt er die Nase in chemische Orchideenverbindungen, tags treibt ihm der blühende Wäscheständer Tränen in die Augen.

Nach ein paar höllischen Wochen ist er zu allem bereit.

“Ich will die Trennung.”
“Spinnst du?”
“Die Trennung der Wäsche.”
“Ach so.”
“Wir haben getrennte Konten, warum nicht auch getrennte Schmutzwäschen?”
“Weil Schmutzwäsche mehr Platz braucht als ein Konto?”
“Du und deine komische Logik.”
“Am Ende willst du noch eine eigene Waschmaschine.”
“Ich denke darüber nach.”
“Und wo willst du die hinstellen?”
“Neben deine.”
“Da steht der Schrank mit meinen Schuhen.”
“Die brauchst du doch sowieso nicht.”
“Wie bitte?”
“Du meisten ziehst du nie …”
“Dann lieber getrennte Wäsche.”

Man reicht sich die Hand. Der Weichspülerkrieg ist beendet, von einem Moment auf den anderen, dank instinktiv brillanter Diskussionslenkung. Ein Hoch auf Wilmas Schuhe, denkt der Wilmer, was wäre er ohne.

Jeder wäscht von nun an für sich. Der Wilmer träumt wieder von sinnvollen Dingen, die Wilma sieht davon ab, um vier Uhr morgens das Licht einzuschalten. Zufriedenheit hält Einzug im wilden Hause Wilmersdorf. Alles wäre perfekt, wenn den Wilmer nicht hin und wieder der stachlige Gedanke piekte, dass die Wilma es von Anfang an darauf abgesehen haben könnte.

Dass er seine Scheißwäscheberge selber wäscht.

Via viewsofberlin:

U-Bahn station Breitenbachplatz, Berlin-Wilmersdorf.

Fetisch in Wilmersdorf 

Fetisch-Mode in Wilmersdorf.

Via berlinautrement

Via sorrysun

Bundesallee.

Wander in Wilmersdorf

Auch in Wilmersdorf erfährt man von der neuesten coolen App: “Wander”. Menschen, die es wissen müssen, nennen Wander die coolste aller Apps. Wander verbindet Wilmersdorf beispielsweise endlich mit Taipeh in Taiwan oder L.A. in USA oder Toluca de Lerdo in Mexiko, ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer für Wilmersdorf.

Am Anfang ist alles wie immer, wenn man sich anschickt, Teil eines die Geschichte und die Menschheit verändernden Ereignisses zu werden: Man öffnet iTunes und lädt die App herunter. Dann registriert man sich und gibt Apple alles, was des Apple ist.

Und dann geht’s los.

Fotografiere!

Man bekommt von Wander einen guide aus einem anderen Winkel der Welt zugewiesen, zum Beispiel…

den Kenneth aus Taipeh. Der Wilmer aus Wilmersdorf und der Kenneth aus Taipeh sind einander nun für eine Woche guides in die alltägliche Welt ihrer so unterschiedlichen Leben. Sie erhalten von Wander Aufgaben wie: Fotografiere, was du gerade siehst. Fotografiere, was bei dir daheim an der Wand hängt. Fotografiere, wie das Wetter im Moment ist. Drei Aufgaben am ersten Tag, und so geht es weiter. Fotografiere die Speisekarte eines typischen Restaurants. Fotografiere ein Werbeplakat. Fotografiere, worauf du stolz bist.

Cool!

Auch schreiben können sie einander, der Wilmer und der Kenneth. Weil Google Translator in Wander integriert ist, sogar in ihren eigenen Schriftzeichen. Sie schreiben:

“Hey, das sieht kühl aus.”
“Hey, nein, es ist sehr warm.”
“Nein, nein, ich meinte: kühl.”
“Oh, aber es ist wirklich warm.”

Der Wilmer weiß jetzt also, was beim Kenneth an der Wand hängt und wie ein Werbeplakat in Taipeh aussieht. Oder was eine typische taiwanesische Speisekarte so anbietet. Lesen kann er es nicht, weil Google Translator leider noch nicht in Werbeplakaten und Speisekarten aus Taipeh integriert ist. Aber das macht es … richtig: krass au-then-tisch.


Wissen

Der Wilmer aus Wilmersdorf kennt Taipeh jetzt ein bisschen. Sagen wir: ein bisschen besser. Neulich hat er im TV eine halbstündige Doku über einen Wolkenkratzer gesehen, den sie in Taipeh gebaut haben und der wohl irgendwann wegen der Erdbeben umfallen wird, wenn er sich richtig erinnert. Jetzt weiß er, wie die Wände behängt sind, die da vielleicht mit umfallen werden. Das ist toll. Und wenn ihn morgen in Wilmersdorf jemand fragt, wie das Wetter zurzeit so ist in Taipeh, könnte er sagen: Blauer Himmel, keine Wolken, die Schleier sind Smog.

“Hab einen Bekannten in Taipeh, den Kenneth, hat gestern Fotos geschickt.”
“Oh, ein Chinese, der Kenneth heißt!”
“Eher ein Taiwanese.”
“Und das ist kein Chinese?”
“Na ja, da gibt es Probleme.”
“In der Familie?”
“Ach, es ist kompliziert.”


Fragen


Wenn der Wilmer nicht damit beschäftigt ist, herumzulaufen und seine Welt für Kenneth aus Taipeh profunde fotografisch darzustellen, ist er neuerdings mit Überlegen beschäftigt. Worauf bin ich stolz? Sehe ich das, was ich gerade sehe, wirklich, oder bilde ich mir nur ein, es zu sehen? Welche Aufgaben werden wir morgen bekommen? Warum bin ich in Wilmersdorf und nicht in Taipeh? Warum postet der Kenneth so lange keine Fotos mehr? Findet er mich nicht mehr guide-würdig? Schläft er noch? Wie lange schläft er noch – und wie schläft er überhaupt? Auf einem Futon? In einem Hochbett? In einer Zimmerschachtel, die er sich mit vierzehn anderen Taipehern teilt? Ja, Wander motiviert zum profunden Reflektieren über das Ich und das Andere. Seit der eigenen Existenzialistenjugend hat der Wilmer nicht mehr so profund über sich & die Welt nachgedacht.

Sehnsüchte

Und: Wander erfüllt Sehnsüchte! Denn wollte man nicht immer schon nach Taipeh? Nun ist man wenigstens per App und in Gedanken dort. Und vielleicht könnte man den Kenneth ja auch richtig besuchen, den Körper sozusagen nachschicken. Oder vielleicht kommt dem Kenneth sein Körper mal nach Wilmersdorf! Wie die Wilmersdorfer glotzen würden! Spazieren der Wilmer und der Kenneth aus Taipeh durch die lebensberuhigten Straßen und betrachten Werbeplakate und Speisekarten.

Der Wilmer glüht vor Aufregung. Das ist alles so … wunderbar! Da sitzt er im Winterregen in Wilmersdorf und ist doch irgendwie in Taipeh! Und eine Freundin vom Wilmer sitzt auch irgendwo im Winterregen und hat schon ein Foto von Miami Beach gesehen! Es ist ein sehr aufregender Januar. In der Küche schimmelt der Pfannenschorf, Staubflöckchen wehen durch den Flur, die Altglasflaschen erreichen Bataillonsstärke, im Mittelmeer liegt ein Luxusliner auf der Seite – nicht wichtig, eine Woche lang zählen nur der Kenneth aus Taipeh und sein Wetter dort. Wieder jemanden kennengelernt! Wieder ein paar flüchtige neue Eindrücke mehr bekommen! Wieder Ablenkung vom tristen Leben! Der Ödnis des Alltags ein paar Millimeter Vergnügen abgerungen!

Die Angie aus Joburg und die anderen Schweine

Dann nähert sich die Kenneth-Festwoche ihrem Ende. Der Kenneth und der Wilmer haben einander längst auf Facebook überführt, sie bleiben einander erhalten, es ist wohl der Beginn einer großen Freundschaft, Abschiedsschmerz ist nicht nötig. Zumal der Wilmer mit seinen Gedanken schon weitergezogen ist: Wer wird nach dem Kenneth für eine Woche sein guide sein? Eine Angie aus Johannesburg (künftig: Joburg)? Ein Dennis aus San Francisco (Frisco)? Oh, der Wilmer ist aufgeregt. Sein Leben ist sehr erfüllt, von Kenneth noch ein bisschen und schon von ganz viel Aufregung wegen danach.

Und ein bisschen Angst. Denn es kann auch so kommen: Die Angie aus Joburg akzeptiert den Wilmer nicht als guide …

Das hat nämlich der Matthew aus Sydney, den Wander als Erstes mit Wilmer matchen wollte, gemacht. Da hat sich der Wilmer auf Sydney gefreut, und plötzlich schlägt Wander ihm den Mano aus Seoul vor. Der Matthew aus Sydney muss ihn abgelehnt haben! Aber warum?? Ist er zu alt? Zu hässlich? Zu uncool? Quälende Fragen! Oder lag es an Wilmersdorf? Selbst die in Sydney werden wissen, dass man, wenn man nach Berlin will, darauf achten muss, nicht in Wilmersdorf zu stranden. Keine Clubs, keine Döner, keine Schwulen, kein Gras, nur Pudel und Steppdaune.

Grausames Wander! Wie viele Menschen tigern jede Sekunde (“wander”) wie Wilmer, das iPhone in der Hand, deprimiert von Zimmer zu Zimmer, weil sie von jemandem zehntausend Kilometer weiter als guide abgelehnt wurden? Wann wird es den ersten Suizidversuch geben?

Noch schlimmer

Es kam noch schlimmer. Der Mano aus Seoul hat den Wilmer nicht abgelehnt, aber mitgemacht hat er auch nicht. Keine Fotos, keine Botschaften. Bild um Bild hat der Wilmer aufgeregt um den Globus geschickt – keine Reaktion. Nur Schweigen. Höfliche Menschen, die Südkoreaner, hat der Wilmer deprimiert gedacht, lehnen aus Höflichkeit nicht ab, wenn sie jemanden zu alt, zu hässlich, zu uncool finden, zumal wenn er bei den Pudeln in Wilmersdorf wohnt.

Da hat der Wilmer Wander um einen neuen guide gebeten.

Und 24 Stunden gewartet. So lange muss man nämlich warten auf einen neuen guide.

Aber der Alejandro aus Toluca de Lerdo in Mexiko hat ihn auch abgelehnt.



Währenddessen hat die erwähnte Freundin vom Wilmer den Joe aus Miami abgelehnt, der hat nämlich nur ein Foto vom Strand geschickt und eines von einem Teller mit Keksen und dann nichts mehr. Immerhin kann sie ihren Enkeln in 40 Jahren erzählen, wie typische Kekse aus Miami aussehen, das ist schon was, und der Wilmer weiß jetzt, dass es in Mexiko eine Stadt namens Toluca de Lerdo gibt, man darf das nicht unterschätzen.

Der Wilmer hat weitere 24 Stunden gewartet und noch mal 24 Stunden, bis dann der Kenneth aus Taipeh kam. Die erwähnte Freundin vom Wilmer hat auch hin und wieder 24 Stunden gewartet. Bloß Kinderkrankheiten, hat der Wilmer sich gedacht und den Alltag ein bisschen zur Seite geschoben und vor Aufregung geglüht.

Na ja, irgendwann wird auch der Wilmer drauf kommen: Die App ist eine Kinderkrankheit.

Fotos: Wander

W-Lan für Wilmersdorf! 

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